Bad Gastein: Wo die Zukunft zu Hause ist – nackt im Schnee statt Gold im Stollen 

Winner: Ida Dahl, SWE (Team Engcon), during cross-country ladies at 2022 Gastein Classics in Sportgastein; 11/12/2022 - Foto: SCHREYER

VON THOMAS SCHREYER / Dezember 2022 /   Um echtes Gold geht es in Bad Gastein nicht mehr. Das ist Vergangenheit. Doch haben die frühen Goldgräber für das heutige Gold gesorgt, als man auf Heilquellen stieß, die sowohl zu einem Teil für die Energieversorgung genutzt werden können, als auch für das Wohlbefinden der Menschen und so viele Touristen anlocken. Mit 46 Grad Celsius entweicht das Wasser und davon etwa fünf Millionen Liter pro Tag. Gastein kann auf eine hundertjährige touristische Entwicklung blicken, die sogar von Kaisern und Königen genutzt wurde. Kaiserin Sisi soll sechs Mal in dieser einmaligen Gesundheitsregion gastiert haben. Der deutsche Kaiser unterhielt ein ganzes Badeschloss.

Bad Gastein im Salzburger Land mit Bad Hofgastein, Dorfgastein und Sportgastein sieht sich nicht nur wegen des gestiegenen Gesundheitsbewussteins gut für die Zukunft aufgestellt. Aus der Goldkammer Europas im16. Jahrhundert hat sich eine hochmoderne Sport- und Kuroase entwickelt, in die zu jeder Jahreszeit Menschen strömen.  Jährlich suchen etwa 10.000 Gesundheitsbewusste die Bäder auf. Menschen allen Alters wollen die radonhaltigen Heilquellen erleben, die berechtigterweise schnelle Rekonvaleszenz bei Entzündungen oder hartnäckigen Verspannungen versprechen. Die Anwendungen können gut ein Dreiviertel Jahr (nach)wirken. Radon, ein flüchtiges Gas, muss man sich in etwa als Impulsgeber vorstellen, auf den der Körper positiv reagiert:

Radon-Bäder in der Alpentherme: das Wasser wird von unten eingelassen, nicht von oben, damit sich das Radon-Gas nicht zu schnell verflüchtigt.Radon therapy at Kurhaus in Bad Hofgastein; 10/12/2022 – Foto: SCHREYER

Doch wie bei einem Muskelaufbautraining lässt der Effekt natürlich nach, sobald kein Impuls mehr erfolgt. Oder: es ist gelungen, die Ursachen der Entzündung oder Verspannung zu beseitigen. Dazu gibt es zum Beispiel in Bad Hofgastein ein sportmedizinisches Leistungszentrum, das nicht nur Spitzensportlern offensteht, sondern jedem, der rechtzeitig einen der begehrten Termine ergattern kann. Aufwändige Bewegungsanalysen und Leistungstests unter ständiger ärztlicher Kontrolle können den Grund der Beschwerden ermitteln, wo man vielleicht gar nichts vermutet: So kann beispielsweise ein minimaler Beckenschiefstand entdeckt werden, der ursächlich für Nackenschmerzen ist. Oder ein Patient kommt nach einem (Sport-)Unfall und lässt sich optimal wieder aufbauen.

Das sportmedizinische Leistungszentrum ist in die Alpentherme in Bad Hofgastein integriert:

Sportmedizinisches Leistungszentrum at Kurhaus in Bad Hofgastein; 10/12/2022 – Foto: SCHREYER

. Die Felsentherme in Bad Gastein bietet „nur“ Möglichkeiten zum Schwimmen, zum Entspannen, zum Saunieren und sogar viele Möglichkeiten für Kinder bzw. Familien. Besonders beliebt unter den Gästen, egal ob nach einem Saunagang im Hotel oder in einer der Thermen: nackt im Schnee spazieren oder gar den entblößten Körper einreiben mit dem kalten Element.

Wer wegen des Skisports kommt, hat zahlreiche alpine Möglichkeiten oder kann langlaufen. Bad Gastein liegt auf 1000m Höhe, Sportgastein, ein wahres Schneeloch, auf 1600m, der höchste Gipfel auf 3100m. Um Touristen und Sportlern auch die Vorzüge des relativ ruhigen Sportgastein näherzubringen, das in einen Naturpark eingebunden ist, holt man nun auch Spitzensportveranstaltungen ins Land wie zum Beispiel die Ski Classics, die im Dezember 2022 erstmals ausgetragen wurden und der Start einer Serie sind, die mit dem Sonnenstand Richtung Norden weiterzieht und im April in Skandinavien endet. Das Besondere: es wird nur ein Stil (klassisch) gelaufen und sowohl Männer als auch Frauen absolvieren die gleichen Strecken. Und: Neben einer „Pro-Tour“ gibt es auch Amateurwettbewerbe, an denen jedermann teilnehmen kann. Jedermann? Tatsächlich läuft auch hier der eine oder andere Profi mit, sogar Olympiasieger. Ein wahres Highlight!

Natürlich fragt man sich schnell, wie es denn mit der Umweltverträglichkeit aussieht. Und hier hat Bad Gastein nur Trümpfe in der Hand: man agiert im Einklang mit der Natur, legt Obergrenzen für Hotelbetten fest, die nicht überschritten werden dürfen und „opfert“ keine Grünflächen mehr. Neu gebaut wird viel, aber nur dort, wo vorher schon Anlagen vorhanden waren, wie zum Beispiel aufgegebene oder zu alte Hotels. Auch an den Verkehr hat man gedacht und präsentiert ganz stolz den Plan des „vertical link“. Auf Grund der Lage – ein Felsendorf mit extremen Höhenunterschieden – verbindet man nun unterirdisch zwei Parkhäuser mit einem Förderband („vertical link“ – ähnlich einer Rolltreppe ohne Steigung). Erreicht man das zweite Parkhaus, kann man mit dem Lift weiterfahren oder dann in eine Gondel einsteigen. Ein Auto braucht man ab etwa Mitte der Zwanziger Jahre nicht mehr. Wer es zur Anreise benötigt, kann es für den Dauer des Aufenthaltes in einem der Parkhäuser stehen lassen. Der Eine oder Andere wird nicht einmal mehr das benötigen, denn ebenfalls etwa 2024 soll Bad Gastein einen besseren Bahnanschluss erhalten. Alle zwei Stunden wird dann ein internationaler Zug in Gastein halten. Zum gebuchten Hotel sind es nur wenige Minuten.

Warum ist man in Österreich so optimistisch?

Zum Einen läuft man nicht vor der Realität davon. Während man in Deutschland überlegt, Schneekanönchen stillzulegen, um ein paar Watt Energie zu sparen, orientiert man sich in Gastein an Zahlen und Fakten: Schneekanonen sind ein wichtiger Teil im Wirtschaftskreislauf. Sie verbrauchen 1% der Energie, bringen aber 4% Wirtschaftsleistung. Zum Anderen hatte die Region auch Glück während des über zwei Jahre andauernden Ausnahmezustandes: Kuren waren erlaubt, wenn auch mit mehr oder weniger unsinnigen Auflagen (Masken, Tests). Selbst die Bergbahnen durften aufsperren, wenngleich die Hütten geschlossen bleiben mussten. Durch die allmähliche Erholung 2022 konnten Löcher wieder gestopft werden. Von den jährlich etwa 500.000 Übernachtungen fehlten Ende 2022 gerade noch 9.000 Belegungen. Zudem haben viele Hoteliers schnell auf die Situation reagiert und zum Beispiel statt Halbpension nur noch Frühstück angeboten.

Bad Gastein setzt heute mehr auf regionale Versorgung, ein weiterer Pluspunkt, den das für die Krise verantwortliche World Economic Forum nicht besonders schmecken dürfte. Deshalb überwiegt die Zuversicht, die da heißt: Unabhängigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, eingebunden in die Erwartungen der Gäste. Nur eine minimale Unsicherheit bleibt: Wie wird sich die durch die künstlich verteuerte Energie angeheizte Inflationswelle auswirken?  Auch fehlen zu einem (wenn auch geringen) Anteil Gäste aus Russland und der Ukraine. Ein unübersehbar großer Anteil skandinavischer Touristen kann das noch nicht ganz ausgleichen. Deutsche und Österreicher machen nach wie vor etwa zwei Drittel der Gäste aus. Echte Sorgen sehen anders aus. In Bad Gastein ist tatsächlich die Zukunft zu Hause.

Text und alle Fotos (Copyright): Thomas Schreyer

 

 

 

 

 

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